Festivalmotiv

DORE O. Freitag 22. März 2019 19.00 Uhr

Kuration: Masha Matzke, Filmwissenschaftlerin, Kuratorin und Filmarchivarin an der Deutschen Kinemathek; Organisation: Sabine Kues *aus dem Archiv der/in Kollaboration mit der Deutschen Kinemathek

Die Filme der Künstlerin Dore O. scheinen eine gewisse Einzigartigkeit gegenüber den vorherrschenden Strömungen des deutschen Experimentalkinos zu beanspruchen. So schrieb der Kritiker Dietrich Kuhlbrodt bereits 1988: »Das Werk der Filmkünstlerin aus Mülheim ist klassisch geworden, aufgenommen in die internationale Avantgarde. [...] Dore O. hat sich ihre Unabhängigkeit auch innerhalb des unabhängigen Films bewahrt. Sie hat die Zeit der Coops erlebt, den Frauenfilm, die Strukturalisten und Grammatiker, die Lehrer neuer Sehweisen. Sie war Zeitgenossin, und doch erscheint ihr Werk zeitlos, nämlich gegenwärtig und unmittelbar attraktiv.«

Die Originalität und poetische Kraft ihrer Arbeit wird heute umso deutlicher, als Dogmen wie die des politischen oder strukturellen Films und deren Vorbehalte eines trivialen Ästhetizismus ihre unangetastete Geltung verloren haben. Ihre der bildenden Kunst entlehnte, poetisch-malerische Filmtechnik widmet sich einer bildhaft erlebten Wirklichkeit, einer steten Bildwerdung- und modulation. Dieser assoziative, gleichsam expressive und vorbewusste Fluss von Bildern fordert in seiner exponierten Sinnlichkeit rein verbale oder intellektuelle Register der Interpretation heraus. Zwischen innerer Versenkung und bewusster Wahrnehmung oszillierend wird ein rhythmisches Widerspiel von Flächen und Körpern, von Hypnose und Klarheit, von materiellen Kontrasten spürbar. In Opposition zu den Grammatikalisierungen und mathematischen Strukturprinzipien ihrer Zeitgenossen zeugen ihre Filme dennoch von einer unaufhörlichen Auseinandersetzung mit der geometrischen Beschaffenheit der Projektionsfläche in Gestalt einer filmischen Realität, die in mehrschichtigen Tableaus durch das Gegenspiel von Tiefe, Fläche und phantomhaften Figuren, leinwandartigen Hintergründen, multiplen innerbildlichen Rahmungen und Verdopplungen erfahren und festgehalten wird. Über das rein Persönliche des »personal« oder »diary film« hinausgehend vereitelt ihre intime Filmpoetik, die ähnlich der Tradition von Brakhage die Realität durch die Interpretation und den poetischen Ausdruck ihrer eigenen Emotionen darstellt, eindeutige Klassifizierungen. Reiseaufnahmen und Material aus dem Privatleben ihrer Ehe mit Werner Nekes treffen auf sorgfältig komponierte Überblendungen und eingeschnittene Sequenzen enigmatischer Bildmetaphern.

Biografie

Dore O., geboren 1946 in Mülheim an der Ruhr, studierte Design in Krefeld und Malerei in Hamburg und Perugia. Seit 1967 als Filmemacherin tätig. Ihr erster Film JÜM-JÜM (1967) entstand in Zusammenarbeit mit Werner Nekes (Heirat 1976). Zwischen 1966 und 1986 war sie an vielen seiner Filme beteiligt (Schauspiel, Kostümbild, Setdesign, Kamera). Als bildende Künstlerin arbeitet sie mit diversen Medien (Malerei, Fotografie, Objekte, Skulpturen, Installationen etc.). Neben Nekes war sie eines der Gründungsmitglieder der »Hamburger Filmmacher Cooperative« (1968-1972), ein Versuch der Distribution von Avantgardefilmen nach dem Vorbild der amerikanischen Film-Co-ops, die als eine Reihe von unabhängigen Vorführungen des sogenannten »anderen Kinos« (zunächst »Filmschau der Festivallaußenseiter«, später »Hamburger Filmschau«) begann und sich schließlich u.a. aufgrund von Konflikten zwischen den politischen und ästhetischen Haltungen der Mitglieder 1974 auflöste. Dore O. gehört neben Werner Nekes, Birgit und Wilhelm Hein, Klaus Wyborny, Heinz Emigholz etc. zu der überschaubaren Gruppe von Experimentalfilmemachern, die ihr Schaffen in den 1960er Jahren begonnen und während des merklichen Rückganges eines öffentlichen Interesses am Experimentalfilm angesichts einer Favorisierung weit mehr politischer Stränge ab Mitte der 1970er Jahre bis in die Gegenwart fortgesetzt haben. Als erste weibliche Filmemacherin gewann Dore O. dn großen Preis beim 5. Internationalen Experimentalfilmwettbewerb in Knokke (Belgien) für ihren Film KASKARA sowie den Kritikerpreis für den besten Film des Jahres 1974-75. Ihre filmische Arbeit war 1972 Teil der documenta 5 und 1977 der documenta 6. Die letzte umfassende Retrospektive ihrer filmischen Arbeit fand 2016 in New York statt.

http://www.dore-o-nekes.de/filme/

KURZFILMPROGRAMM wird in Kürze an dieser Stelle veröffentlicht.

Kaskara, Dore O., 16mm, 21 min., 1974, Foto: Deutsche Kinemathek

 

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